Whiteboard-Skizze: Vom Bauchgefuehl zum System — H24 Reise im Revenue Management
Aus der Praxis

Die verpasste Messe — warum wir mit dem dritten Standort ein RMS gebraucht haben

80 Zimmer voll, zwei Monate vor Anreise. Wir hätten 20 bis 30 Euro mehr verkaufen können. Pro Nacht. Pro Zimmer.

Sebastian Hübsch & Rico Eggert · · 8 Min. Lesezeit

80 Zimmer ausgebucht, zwei Monate vor der Anreise. Klingt nach einem guten Tag — bis du dir die Preise anschaust und merkst: Wir hätten locker 20 bis 30 Euro mehr verlangen können. Pro Nacht. Pro Zimmer. Und das war kein Einzelfall.

Diese verpasste Berliner Messe war für uns der Moment, an dem klar wurde: Unser Problem war nicht der Preis. Unser Problem war, dass wir Daten hatten — aber kein System, das sie strukturiert auswertet und Nachfrage früh erkennt. Das war kein Preisproblem. Das war ein Strukturproblem.

Auf der Internorga 2026 hat Rico Eggert, bei uns verantwortlich für Projektleitung und Revenue, diese Geschichte zusammen mit Anton von Verschuer von RateBoard auf der Bühne erzählt. Wir wurden danach mehrfach gefragt, wie wir aus dem Bauchgefühl-Modus rausgekommen sind. Hier die ausführliche Version — und der komplette Vortrag zum Mitschauen:

Internorga 2026, Hospitality Pioneers Deep Dive Area, Halle B5 — Rico Eggert (H24 Hotels) & Anton von Verschuer (RateBoard).

Volles Hotel ist kein Beweis

H24 wurde 2015 gegründet — Vater und Sohn, Michael und Wilhelm Gruenewald — mit einer ziemlich klaren Idee: Hotellerie darf einfacher sein. Moderner, auf Augenhöhe. Und trotzdem professionell und persönlich. Wir haben in Teltow angefangen und ein Systemhotel-Konzept aufgebaut: Check-in-Terminal am Eingang, RFID-Schließsystem, Cloud-PMS, Channelmanager. Damals ein riesiger Schritt. Keine händischen Buchungen mehr aus Faxgeräten, keine doppelte Dateneingabe.

Aber bei den Preisen waren wir trotzdem noch im Jahr 2005 unterwegs. Excel-Listen. Manuelle Marktvergleiche. Stundenlanges Monitoring. Preisentscheidungen, die stark von einzelnen Personen abhingen.

Und ehrlich gesagt glauben wir heute, dass unser Bauchgefühl in dieser Zeit nie wirklich funktioniert hat. Wir haben nur lange gedacht, dass es funktioniert. Beim ersten Standort fühlt sich Bauchgefühl unglaublich logisch an. Du kennst deinen Markt. Du kennst deine Gäste. Du weißt ungefähr, wann Nachfrage kommt. Du setzt Preise — und das Hotel ist gut gebucht. Also denkst du: passt schon.

Aber genau da liegt der Denkfehler. Ein verkauftes Zimmer sagt nur eines: Es wurde verkauft. Nicht, ob der Preis richtig war. Vielleicht hättest du 10 Euro mehr verlangen können. Vielleicht 20. Vielleicht warst du auch zu teuer und hast Nachfrage verloren. Solange du nicht weißt, was eigentlich möglich gewesen wäre, fühlt sich das alles erstmal richtig an.

Ein volles Hotel sieht nach Erfolg aus. Auch wenn du vielleicht 30 Prozent zu günstig verkauft hast.

Wachstum macht die Illusion sichtbar

Beim ersten Standort kannst du diese Illusion noch tragen. Beim zweiten ebenfalls. Beim dritten wird sie unübersehbar.

Nicht, weil wir schlechter geworden wären. Sondern weil die Komplexität exponentiell gewachsen ist. Plötzlich hatten wir mehrere Märkte, unterschiedliche Nachfrageverläufe, unterschiedliche Wettbewerbssets. Und wir haben trotzdem versucht, alles manuell zu steuern.

Wir haben unsere Preise teilweise drei Mal täglich angepasst. Pro Anpassung ein bis zwei Stunden. Auf jedes OTA gegangen. Wettbewerber verglichen. Mehrere Browser-Tabs offen. Mehrere Excel-Tabellen. Und danach jede einzelne Rate händisch ins PMS übertragen — teilweise für jede Zimmerkategorie separat.

Whiteboard-Illustration: Bauchgefuehl-Modus mit OTA-Tabs, Excel und gestressterm Hotelier
Bauchgefühl-Modus: drei Mal am Tag durch alle OTAs, Excel-Liste, Hand-Übertrag ins PMS.

Und dann diese Szene, die jeder kennt, der mehrere Häuser steuert: Du sitzt vor Excel, mitten in einer Preisanalyse, und das Telefon klingelt. Ein Mitarbeiter braucht eine Entscheidung. Eine Gruppenanfrage kommt rein. Du bist raus aus der Analyse. So entstehen Preisentscheidungen aus Zeitdruck — nicht aus Strategie. Du arbeitest extrem viel, fühlst dich dauerhaft im Reaktionsmodus — und hast trotzdem nicht das Gefühl, wirklich Kontrolle zu haben.

Und genau in dieser Phase passiert das mit der Berliner Messe. Wir hatten sie nicht auf dem Radar. Unser 80-Zimmer-Haus war zwei Monate vorher plötzlich ausgebucht — und wir wussten nicht, warum. Im ersten Moment denkst du: super, ausgebucht. Später merkst du: Wir hätten locker 20 bis 30 Euro mehr verkaufen können. Pro Nacht. Über alle Zimmer. Über die ganze Messe.

Das war kein Pech. Das war fehlende Markttransparenz. Wir hatten Daten — aber wir hatten kein System, das sie strukturiert auswertet und Nachfrage früh erkennt. Wir brauchten kein besseres Bauchgefühl. Wir brauchten ein System.

Der Wendepunkt — 2018

Wilhelm und Rico waren 2018 auf einer Branchenveranstaltung und haben zum ersten Mal ein Revenue-Management-System gesehen. Rico erinnert sich noch genau:

Wir saßen da und dachten — warum machen wir das eigentlich noch alles per Hand?

Wir haben RateBoard kurz danach in einem Berliner Haus getestet. Und nach dem ersten Jahr auf die Zahlen geschaut.

ADR höher. RevPAR höher. Auslastung höher. Nicht weil wir mehr gearbeitet hätten — sondern weil wir intelligenter entschieden haben.

Plötzlich war da etwas Neues: Kontrolle. Nicht Bauchgefühl, sondern Kontrolle und Klarheit darüber, wie der Markt funktioniert. Wir konnten sehen, was passiert. Wir konnten reagieren. Wir konnten Nachfrage wirklich nutzen.

Das war der eigentliche Wendepunkt. Ab diesem Moment haben wir angefangen, unsere komplette Systemlandschaft strategisch zu denken — saubere Schnittstellen, digitale Gästereise, modulare Architektur. Und uns von einer Idee verabschiedet, die viele Hoteliers noch verfolgen: dass ein einziges System alles können muss. Ein Alleskönner klingt verlockend, aber in der Praxis brauchst du Flexibilität. Ein System, das vorgibt alles zu können, ist auf die Bedürfnisse der Masse ausgelegt — und sobald du eigene Anforderungen hast, steckst du in seinen Grenzen fest. Performance entsteht nicht durch Funktionsvielfalt. Sondern durch Tools, die sauber miteinander sprechen.

Was sich konkret verändert hat

Vor der Automatisierung: 15 bis 30 Stunden pro Woche für Preispflege. Fast eine halbe Vollzeitstelle nur für reaktive Marktanalyse.

Heute übernimmt das System den Großteil dieser operativen Analyse. Wir überprüfen regelmäßig — aber wir sparen im Schnitt 10 bis 20 Stunden pro Woche. Und diese Zeit fließt nicht in weniger Arbeit. Sie fließt in bessere Arbeit: Forecast-Analysen, strategische Preisarchitektur, Standortentwicklung.

Was sich am stärksten verändert hat, ist nicht die Zeitersparnis. Es ist das Ausbleiben von Überraschungen. Der Algorithmus erkennt stark nachgefragte Zeiträume frühzeitig — nicht wenn wir schon ausgebucht sind, sondern Wochen davor. Früher haben wir reagiert. Heute können wir agieren. Die verpasste Messe vom Anfang würde uns heute nicht mehr passieren.

Whiteboard-Illustration: Mit System — Forecast-Kurve, Messe rechtzeitig erkannt, Stunden gespart
Mit System: Nachfrage Wochen vorher erkennen statt Wochen später bedauern.

Und das ist der Punkt, an dem viele eine spektakuläre Zahl erwarten. Aber der größte Hebel ist nicht ein einzelner großer Sprung. Er liegt in Präzision. Es bedeutet nicht, dass wir plötzlich 50 Euro teurer verkaufen. Es bedeutet, dass wir systematisch 5 bis 10 Euro näher am optimalen Marktpreis liegen.

Klingt unspektakulär. Aber rechne es einmal durch: Ein Hotel mit 50 Zimmern und 60 Prozent Belegung. Wenn du dort im Schnitt nur ein paar Euro näher am optimalen Preis liegst, redest du schnell über fünfstellige Beträge im Jahr. Nicht durch einen großen Sprung. Sondern durch Präzision — über 365 Tage und mehrere Standorte hinweg.

RateBoard ist dabei für uns die Grundlage, nicht der Endpunkt. Wir ergänzen mit eigenen Lösungen, künstlicher Intelligenz und ergänzenden Rateshopper-Tools — um Buchungsmuster aus der Historie noch besser zu lesen und in den Forecast einzubauen. Das braucht es einfach für Preissteuerung über mehrere Standorte in unterschiedlichsten Märkten.

Der Aha-Moment war am Ende nicht ein einzelnes spektakuläres Jahr. Es war die Nachhaltigkeit. Im Jahresrückblick haben wir gesehen: Wir haben nahezu jede Messe, jedes Event, jede Nachfragephase sauber mitgenommen. Der Umsatz ist nicht explodiert. Er ist stabil und moderat gewachsen. Genau das macht es unternehmerisch planbar — bessere Liquiditätsplanung, planbarer Cashflow, mehr unternehmerische Ruhe.

Team und Gäste mitnehmen

Was in jeder Tool-Geschichte unterschätzt wird, ist die Veränderung im Team und beim Gast.

Bei uns intern war die Angst weniger „Jobverlust" als „Kontrollverlust im Alltag". Preise schwanken plötzlich stärker. Gäste hinterfragen. Das fühlt sich erstmal unangenehm an. Am Anfang wurden Preise teilweise sogar manuell überschrieben — nicht aus Misstrauen gegenüber dem System, sondern aus Loyalität gegenüber dem Gast.

Wir haben viel erklärt. Mit Beispielen aus dem Alltag gearbeitet — Tankstelle, Flugpreise. Niemand wundert sich dort über dynamische Preise. In der Hotellerie haben wir uns lange dagegen gewehrt.

Beim Gast funktioniert die gleiche Logik. Wir nehmen die Frage „Warum kostet das Zimmer heute 20 Euro mehr als letzte Woche?" ernst und erklären transparent: Unsere Preise sind nicht willkürlich. Sie spiegeln Nachfrage, Auslastung und Marktbedingungen wider — genauso wie sie in schwächeren Zeiten auch wieder sinken. Bei rund 99 Prozent unserer Gäste schaffen wir damit Verständnis.

Was wir sehr wohl unterscheiden, ist die Beziehung. Ein Stammgast bekommt Aufmerksamkeit, Flexibilität und manchmal individuelle Lösungen, die über den reinen Zimmerpreis hinausgehen.

Wir verkaufen keine Übernachtung. Wir verkaufen Verlässlichkeit und Erlebnisse.

Und was viele nicht erwarten: Auch die digitale Gästereise — Buchungsbestätigung, Check-in, Payment — haben wir automatisiert. Im ersten Moment kam natürlich die Frage: Bedeutet das weniger Personal? Genau das Gegenteil ist passiert. Die Rezeption hat plötzlich weniger Verwaltungsaufwand und mehr Zeit für echte Interaktionen mit dem Gast. Automatisierung ist keine Entmündigung. Sie nimmt Routine ab — damit der Mensch wieder Gastgeber sein kann.

Vom System zur Strategie

KI im Revenue Management ist kein Selbstläufer. Ein Algorithmus ist nur so gut wie die Strategie, die man ihm vorgibt. Er kennt keine Vision, keine Markenpositionierung, keine langfristige Strategie. Er optimiert innerhalb der Leitplanken, die wir definieren. Und Fachkompetenz braucht es weiterhin: Die KI kann Zusammenhänge falsch deuten, halluzinieren oder schlicht falsche Aussagen treffen. Das muss kritisch hinterfragt werden, sonst gerät man aus der Spur.

An genau diesem Punkt hat sich Ricos Rolle verändert. Früher hat er Preise verwaltet. Heute gestaltet er Strategie.

Ich arbeite nicht mehr im System. Ich arbeite am System.
— Rico Eggert, Internorga 2026

Heute betreiben wir neun Standorte mit knapp 500 Zimmern — überwiegend in und um Berlin, dazu im Harz und im Schwarzwald. Das funktioniert nicht, wenn ein Mensch dreimal am Tag in zehn OTAs schaut. Es funktioniert nur mit einem System, das die Komplexität trägt — und Menschen, die das System gestalten.

Warum wir das auf Bühnen erzählen

Wir haben mit H24 Hotels Consulting 2025 etwas gegründet, das wir vorher selbst gebraucht hätten. Nicht klassische Beratung. Sondern Betreiber für Betreiber. Wir empfehlen nur, was bei uns selbst funktioniert. Wir testen in unseren eigenen Häusern. Die Fehler haben wir gemacht — damit andere sie nicht mehr machen müssen.

Wir sehen bei vielen inhabergeführten Hotels dasselbe Muster: gute operative Arbeit, aber keine skalierbare Systemarchitektur. Bauchgefühl als einziges Steuerungsinstrument. Excel-Listen als Single Source of Truth. Und dasselbe Gefühl, das wir vor 2018 hatten: extrem viel Arbeit, ohne wirklich Kontrolle zu haben.

Die größten Fehler beim Skalieren passieren selten beim Preis. Sie passieren davor — in der Struktur. Wenn Prozesse, Daten und Systeme nicht sauber zusammenspielen, funktioniert vieles im Alltag irgendwie trotzdem. Aber es kostet unglaublich viel Energie, weil man ständig nachsteuern, kontrollieren und Dinge manuell lösen muss.

Wachstum verstärkt alles. Entweder deine Struktur. Oder dein Chaos.

RateBoard ist seit 2018 unser Revenue-Management-Partner — ausgerollt aktuell an fünf H24-Standorten. Der Internorga-Vortrag oben ist die Kurzform dieser Geschichte.

Steckt euer Hotel auch noch im Bauchgefühl-Modus?

Im 5-Tage Praxis-Check schauen wir gemeinsam auf eure Preisstruktur, Datenflüsse und Tool-Landschaft — und identifizieren, wo Struktur fehlt, bevor das Wachstum sie überfordert.

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